Archiv für den Monat: Oktober 2015

Weiter geht´s mit dem writing of “Der Tanz der Schäfflerin”

Natürlich las ich nebenher jede Menge historische Romane, was dazu führte, dass ich zwischen Zuständen wie „Hilfe, das kann ich niemals!“ und „Ich schaffe das auch!“ hin und hergerissen wurde.

Ich schrieb also weiter. Ein großer Teil entstand während meines Urlaub in Österreich. Draußen im Freien, mit Blick auf die drittgrößte Burganlage Kärntens. Sehr inspirierend!

Ich arbeitete am Text, strich mit blutendem Herzen Unnötiges. Verblüffender Weise passierte es immer wieder, dass sich Figuren in meine Geschichte schlichen, die ich überhaupt nicht vorgesehen hatte, zum Beispiel tauchte plötzlich eine mausgesichtige Nonne auf. Auch die Handlung nahm manchmal Wendungen, die mich selbst erstaunten, besonders, als es auf das Ende zuging. Eigentlich wollte ich längst fertig sein, doch meine Protagonistin Jakoba schlug Kapriolen und weitere Szenen entstanden, die ich dann wieder aufdröseln musste. Abgesehen davon waren mir die Figuren ans Herz gewachsen. Ich stand mit ihnen auf und nahm sie mit in den Schlaf. Manchmal wachte ich nachts auf und hatte die Lösung für eine schwierige Stelle. Einerseits freute ich mich darauf, fertig zu werden, andererseits war ich traurig, die Geschichte und meine Figuren verlassen zu müssen.

Der nächste Schritt wollte getan werden. Ich suchte mir TestleserINNEN und verschickte zitternd und bebend meine Manuskripte. Was, wenn die Menschen meinen Roman nicht mögen würden?

Jetzt hieß es warten.

Erfreulicherweise dauerte es nicht lange. Die meisten Rückmeldungen kamen sehr bald. Manche hatten sich die Mühe gemacht, sehr detaillierte Kommentare an die Ränder zu schreiben, jeden Kommafehler anzukringeln, unbestechlich jeden, auch nach zigmaligem Durchsehen übergangenen Buchstabendreher zu markieren. Ich atmete auf. Das Feedback war durchweg positiv.

Ermutigt machte ich mich an eine weitere Überarbeitungsrunde. Ich arbeitete die Anmerkungen ein, die stimmig und schlüssig waren, merzte noch einmal Wortwiederholungen, falsch gesetzte Kommas und Füllwörter aus und begann, zähneknirschend, ein Exposé zu schreiben. Vielleicht werde ich das eines Tages aus dem Ärmel schütteln. Ich hoffe es wirklich. Vorerst ist es harte Arbeit, begleitet von Verzweiflungsattacken.

Den Roman zu schreiben, hat ziemlich genau ein Jahr gedauert. Viel von der restlichen Zeit ging für Recherche und Überarbeitung drauf. Und dann ging es ans Eingemachte. Ich wollte schließlich, dass dieses Buch auf den Markt kam.

Ich recherchierte, welche Verlage und Agenturen für mein Genre in Betracht kamen. Ziemlich kompliziert, muss ich sagen. Die einen möchten alles nur per Papier. Andere auf keinen Fall auf Papier, sondern nur elektronisch. Wieder andere möchten nur telefonisch kontaktiert werden. Ich schrieb todesmutig zwei große Verlage und fünf Agenturen an. Von einer Agentur bekam ich bereits nach einer Stunde einen Automailer, dass mein Projekt nicht für erfolgreich erachtet werden würde und man daher auf eine Zusammenarbeit verzichten wollte (Es war an einem Sonntagabend!). Zwei weitere Agenturen haben bis heute nicht geantwortet. Ein Agent war so liebenswürdig, Exposé und Textprobe zu lesen und mit mir zu telefonieren. Er sagte, dass „da überall viel mehr Action reinmüsse“. Ich überarbeitete noch einmal, bemühte mich darum, „mehr Action“ reinzubringen, jedenfalls dort, wo ich es für sinnvoll erachtete. Hatten mir doch meine Testleser nahezu lückenlos rückgemeldet, dass die Geschichte derart spannend sei, dass sie sie kaum aus der Hand hatten legen wollen. Der Agent las das Gesamtmanuskript und war nicht überzeugt.

Die Lektorinnen der beiden Verlage meldeten mir zurück, dass sie die Geschichte sehr gut fänden, dass sie alles hätte, was ein historischer Roman brauche, aber dass sie keine Chance sähen, das Buch derzeit zu vermarkten. Eine Agentin sagte mir Ähnliches, fand aber meinen Schreibstil gut und fragte, ob ich auch etwas Nichthistorisches hätte. Ich sagte, ich hätte und bat um etwas Zeit. Gut, wenn man ein breites Spektrum hat und auch noch andere Projekte in der Schublade warten…

Ich recherchierte weiter und schrieb drei weitere Verlage an, die sich hauptsächlich auf historische Romane spezialisiert hatten. Ich wartete wieder. Innerhalb einiger Wochen bekam ich von allen drei Verlagen die Aufforderung, das gesamte Manuskript zu schicken. Yehaa!
Ich schickte und wartete.

Eines Mittags dann, genau genommen am 27.5.2015 um 13.42 Uhr bekam ich dann eine Mail vom Burgenwelt Verlag, dass man mir gerne einen Verlagsvertrag zusenden würde. Den Rest des Tages verbrachte ich im Glückstaumel. An Genaueres kann ich mich nicht mehr erinnern.

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Die inspirierende Kapelle Sankt Gandolf, Maria Feicht

Writing Of „Der Tanz der Schäfflerin“ -1

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich darauf gekommen bin, über die Schäffler zu schreiben. Warum einen historischen Roman. Wie das denn geht. Wie man das anfängt. Nun ja, wie „man“ das macht, weiß ich nicht, aber ich kann berichten, wie es bei mir dazu gekommen ist.
Geschrieben habe ich schon einiges, allerdings vor allem Fachartikel oder Ratgebertexte. Einen historischen Roman mit beinahe 400 Seiten zu schreiben, ist eine ganz andere Hausnummer.
Vom ersten Funken der Inspiration bis zum fertigen Buch hat es gute dreieinhalb Jahre gebraucht. Wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe, ist Geduld eine Ingredienz in der Zusammensetzung eines Federlings, die ausreichend vorhanden sein sollte. Das ist bei mir unglücklicherweise nicht so, also war es streckenweise SEHR schwierig für mich!
Die Idee zu der Geschichte entstand im Februar 2012, ein Jahr, in dem die Schäffler getanzt haben, was, wie wir wissen, traditionell nur alle sieben Jahre geschieht. Ich begegnete einem kleinen Jungen, der stolz ein Schäfflerkostüm trug, sein Vater war ebenfalls Schäfflertänzer. Seine kleine Schwester, gekleidet in ein reizendes Dirndl, rannte heulend hinter ihm her. „Ich will auch Schäffler sein! Ich will auch tanzen!“
In meinem Gehirn entzündete sich in diesem Augenblick ein Funke, es war, als würde ein Film ablaufen und das Gerüst der Geschichte war geboren.
Ich begann zu recherchieren. Zuerst rief ich im Stadtarchiv an, fragte nach Unterlagen. Man teilte mir mit, ich müsste die Akten bestellen, könnte sie dann während der Öffnungszeiten im Lesesaal einsehen. Ich bestellte.
Ziemlich erstaunt war ich, als ein ganzer Aktenwagen voll staubigen Schubern und Ordnern vor mich hin gerollt wurde. Ich begann, die Berichte und Chroniken zu sichten, machte mir unzählige Notizen, die Zeit verflog im Handumdrehen. Ich verbrachte viele Stunden im Lesesaal, bis ich das Material durchgekämmt und mir die relevanten Informationen herausgeschrieben hatte. Des Öfteren vergaß ich die Zeit und musste vom Personal rausgeworfen werden. Die Öffnungszeiten eben.
Ich fand heraus, dass es in München-Laim noch einen Schäfflerbetrieb gibt, geführt, wie kann es auch anders sein, vom Innungsmeister und ersten Vorsitzenden des Münchner Schäfflervereins. Im Norden werden die Schäffler übrigens Böttcher genannt, in Weingegenden Küfer. Erinnert sich jemand an das Bilderbuch „Die Heinzelmännchen von Köln“? Da gibt es auch einen Küfer. Der liegt, weil die Heinzelmännchen die ganze Arbeit tun, den ganzen Tag betrunken in der Ecke. Und das in einem Bilderbuch! Aber das nur am Rande.
Ich rief in der Fassmacherei an, sprach mit dem sehr freundlichen Chef, der mir überrascht ob dem Hintergrund meiner Bitte, aber bereitwillig einen Besichtigungstermin gewährte. Ich fuhr nach Laim und schaute mir an, wie noch heute Fässer in jeder Größe in Handarbeit hergestellt werden. Das Büro des Unternehmens betritt man übrigens durch ein riesiges Fass. Der Betrieb, der seit 1914 in Familienbesitz ist, stellt pro Jahr etwa eintausend Fässer her, ungefähr fünfhundert pro Jahr kommen zur Reparatur. Die Bierfässer werden aus schwerem Eichenholz gefertigt, das in riesigen Stapeln auf dem Gelände aufbewahrt wird. Auch die Fassreifen werden in der Fassmacherei hergestellt und es wird selbstverständlich auch gepicht. Das Pichen ist der Vorgang, wenn das Fass innen mit einer Schicht Baumharz versehen wird, damit es dicht bleibt. Da bei diesem Procedere viel Feuer im Spiel war, waren die Schäfflerbetriebe in früheren Zeiten am Stadtrand angesiedelt, wegen der Brandgefahr. Ein interessanter Nachmittag, ich verließ die Schäfflerei mit vielen neuen Erkenntnissen.
So. Außer einem groben Plot hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel. Ich begann, am Charakter meiner Protagonistin Jakoba zu arbeiten, schrieb die erste Szene. All das geschah natürlich nur in den spärlichen Zeitlücken, die mir meine Praxis, meine Seminare und last but not least, meine Familie und der Haushalt ließen. Na ja, ich muss zugeben, der Staub auf den Regalen störte mich nicht soooo sehr. Da schrieb ich doch lieber.
Sobald ich ein paar Seiten geschrieben hatte, bemerkte ich, dass mir wichtige Informationen fehlten. Wie sah denn überhaupt München in dieser Zeit aus? Ein weiterer Besuch im Stadtarchiv stand an. Ein alter Stadtplan von München musste her. Während der Suche danach stolperte ich über die Chroniken von München. Nahezu jeder Tag akribisch aufgezeichnet. So bemängelte beispielsweise am Freitag, dem 6. Oktober 1634 der Kurfürst, dass manche Bürger nicht zur Wache erschienen und stellvertretend nur „Buben und unqualifizierte Personen“ (Stahleder, Chronik der Stadt München) an ihrer Stelle standen und verlangte nach Bestrafung dieser faulen Mitbürger.
Ich tauchte völlig ein ins 17. Jahrhundert, las Bücher über Kleidung, besuchte an den Wochenenden das Stadtmuseum, das Bayrische Nationalmuseum, die Alte Pinakothek, die Heilig-Geist-Kirche, den Dom zu Unserer Lieben Frau, die Residenz, lief frühmorgens durch München, um den Spuren meiner Protagonisten zu folgen und stellte mir vor, es wäre damals. Ich machte Stadtführungen, die über Zünfte und Handwerk in München informierten mit, sah mir die Himmelsleiter im Biermuseum an. Während der Recherche stieß ich immer wieder auf unglaubliche Informationen und Geschichten, dir ein wahres Feuerwerk an Ideen für weitere Romane bei mir entzündeten. Ich legte viele Listen und Ordner an, sortierte die unzähligen Bücher, die ich zusammen gesammelt hatte und besuchte weitere Führungen und Vorträge zu allem, was einmal war. Seifen herstellen, Heilkräuterwissen (da gab es plötzlich eine Verbindung zwischen meinem heutigen Beruf, meinen gefühlten früheren Inkarnationen und meinem Roman), alte Jahrmarktsbräuche.
Eine Führung ist mir besonders in Erinnerung geblieben – wir durften völlig überraschend und nicht angekündigt in den Dachstuhl des Alten Hofes und Konstruktionen aus vielen Jahrhunderten besichtigen. Unglaublich spannend, der Geist längst vergangener Zeiten war in der staubigen Luft hoch über München jede Sekunde spürbar. Ich musste natürlich aus dem Affenturm schauen. Die Affenturmstory kennt ihr vermutlich? Die Sage erzählt, dass der Vater von Ludwig dem Bayern einen zahmen Affen besaß, der frei in der Burg herumsprang. Eines Tages hopste der Affe auf die Wiege, holte Ludwig, den Bayern, damals noch Säugling, später Kaiser, heraus und raste mit ihm durch die Burg, zum allgemeinen Entsetzen bis auf die höchste Turmspitze. Nur mit viel gutem Zureden und vermutlich einigen Leckereien ließ sich das Tier dazu überreden, den Säugling wieder heil zurückzubringen.
Rein zeitlich kommt die Geschichte zwar nicht hin, da Ludwig 1347 bei einem Jagdunfall das Zeitliche segnete, der Turm aber erst 1470 erbaut wurde, aber es ist trotzdem eine schöne Legende.
Ich wollte allerdings etwas genauer mit meinem Zahlen, Daten und Fakten sein, denn das ist es, was für mich einen historischen Roman ausmacht – Wahres verwoben mit einer spannenden Geschichte, Wissenswertes verpackt in Fiktion, Tatsachen und historische Persönlichkeiten konfrontiert mit Leidenschaft, Hass, Gräueltaten und Edelmut.

Bald erzähle ich hier, wie es weiterging, von der Idee bis zur Veröffentlichung.

testmanuskript

Dies ist das Cover meines Testmanuskriptes, welches ich an die TestleserINNEN herausgegeben habe. Das “echte” Cover ist gerade in Arbeit…