Archiv für den Monat: April 2016

Gespräch von Autorin zu Autorin

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Bayern mit Haut und Haaren

Interview von Yngra Wieland mit Gaby Kilian

Gaby Kilian hat zwei sehr erfolgreiche Sachbücher veröffentlicht unter den Titeln „365 Tage München“ und „365 Tage Bayern“, die im Hirschkäfer-Verlag erschienen sind. Sie ist keine gebürtige Bayerin, aber sie hat sich dem Thema Bayern mit Haut und Haaren verschrieben.

Yngra Wieland: Woher kommt dein besonderes Interesse für Geschichte?

Gaby Kilian: Das war schon eines meiner Lieblingsfächer in der Schule. Ich hatte das Glück im Laufe von zwei Jahrgängen kompetente und sehr interessierte Geschichtslehrerinnen zu erleben. Sie verstanden es äußerst geschickt, mich auf die Vergangenheit neugierig zu machen. Es fing mit einem Lichtbildervortrag über Ägypten in der fünften Klasse an. Ab da sammelte und las ich über Jahre hinweg alles was mit dem Reich der Pharaonen zusammen hing.
Meine Neugierde war geweckt und ich wollte verstehen wie alles angefangen hatte. Und so richtig spannend wurde es, als ich merkte, dass viele Ereignisse zusammenhingen. Berühmte Persönlichkeiten, die zur gleichen Zeit gelebt haben, die sich womöglich kannten. Wie haben sie gelebt? Wie waren sie gekleidet? Was haben sie gegessen? Woran waren sie interessiert? Wie war das mit den französischen und englischen Königen?

Eine Redensart sagt, man kommt vom Stöckchen aufs Hölzchen und so ging es mir. Hatte ich einen Text gelesen, waren da viele Fragen und keine Antworten. Also: versuchte ich weitere Bücher zu finden. Internet gab es damals noch nicht und so wuchs auch meine Bibliothek, die sehr umfangreich geworden ist und heute eine reiche Fundgrube für Geschichte aus allen Herren Länder darstellt und natürlich liegt der Schwerpunkt auf München und Bayern, weil ich da lebe, weil es heute meine Heimat ist.

Wo man herkommt, na, das ist egal, Geschichte wird überall auf der Welt geschrieben und alle sind spannender als jeder Krimi. Dieses Gefühl möchte ich all denen vermitteln, die in der Schule Geschichte nicht toll fanden. Wie oft hört man „Igitt Geschichte“. Ja, wenn man gequält wird mit Jahreszahlen macht das freilich keinen Spaß, aber Geschichten hört jeder gern. Man muss halt warten, bis der Zuhörer fragt: „Wann war denn das?“ Ich schreibe gerne kurze Geschichten, damit der Leser, der nur wenig Interesse an einem geschichtlichen Buch hat, doch vielleicht Gefallen daran findet und neugierig wird auf mehr Informationen. Dann gibt es genügend ausführliche Literatur über alle möglichen Gebiete und auch über geschichtliche Themen.

Yngra Wieland: Seit wann schreibst du und was hat dich zum Schreiben veranlasst?

Gaby Kilian: Mit dem Schreiben habe ich erst begonnen, als ich den Entschluss fasste, alle meine Notizen und gesammelte Unterlagen, die in der Zwischenzeit einige Ordner füllten, einmal in ganze Sätze zu fassen. Ich hatte so viele Geschichten gelesen, gehört und auf Führungen oder Reisen erlebt und wollte mal wenigstens einen Teil aufschreiben, um das Erlebte festzuhalten, nicht zu vergessen und meinem Sohn zu hinterlassen, den ich auch neugierig auf Geschichte gemacht habe.

Yngra Wieland: In deinen Geschichten kann man Dinge lesen, die kein Mensch weiß, Wie recherchierst du?

Gaby Kilian: Zum Recherchieren gehört eine Portion Fantasie. Das hat man nicht von Anfang an. Mit der Zeit lernt man einschlägige Bibliotheken kennen. Es gibt, gerade in München, unzählige Vereine und Organisationen, die Vorträge und Tagesfahrten anbieten, oft begleitet von Historikern, die interessante Details wissen. Was man erzählt bekommt von kompetenter Seite, braucht man schon nicht lesen. Man darf nicht schüchtern sein, muss fragen, mitunter weite Wege gehen und nicht das Ziel aus den Augen verlieren. Das ist leicht gesagt. Auch ich finde oft Geschichten, die ich gar nicht gesucht habe und verbringe dann meine Zeit damit, weil es mich interessiert. Auch wenn ich diese Informationen im Moment nicht brauchen kann, dann schreib ich sie mir trotzdem auf und wo ich sie gelesen oder erlebt habe, damit ich nötigenfalls darauf zurückgreifen kann. Das hilft ungemein, wenn man ein Sachbuch schreiben will, denn da sollten die Details stimmen. In einem Roman kann man eher in der Fantasie spazieren gehen. Und immer neugierig bleiben, niemals ohne Notizbuch aus dem Haus gehen – es könnte ja eine Geschichte „um die Ecke“ kommen.

Yngra Wieland: Hast du eine gute Anekdote, etwas Außergewöhnliches, was du bei einer Recherche erlebt hast?

Gaby Kilian: Ich habe bei meinen Recherchen viel Positives erlebt, Menschen kennen gelernt, die bereitwillig meine Fragen beantworteten. Besonders gerne erinnere ich mich an Herrn Karbacher vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Ich wollte die Geschichte von der geheimen Botschaft des Ignaz Günther in der „Schutzengelgruppe“ erzählen. Als Grundlage hatte ich einen uralten Zeitungsartikel, den ich in den Unterlagen meiner Mutter gefunden hatte. Dieser Artikel warf viele Fragen auf, denn die Beschreibung, die ich las, konnte nicht ganz stimmen. Also rief ich im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege an und fragte schüchtern an, ob mir da jemand weiterhelfen könnte. „Ja, selbstverständlich“ hieß es, „da verbinde ich sie in unsere Restaurierungswerkstatt“. Es meldete sich Herr Karbacher und ich stellte meine Fragen. Herr Karbacher merkte sofort, dass ich von Skulpturen und deren Aufbau keine Ahnung hatte und geduldig erklärte er mir am Telefon, wie sie in der „Schutzengelgruppe“ einen Zettel von Ignaz Günther entdeckt, herausgeholt und wieder zurückgelegt hatten. Ich fragte ihn, weshalb er das so genau weiß und bekam als Antwort: „Na, ich war der, der den Zettel fand“. Er berichtete weiter, dass der ganze Vorgang fotografiert worden war und eine ausführliche Beschreibung vorhanden sei. Am nächsten Tag hatte ich, wie von Herrn Karbacher angekündigt, die Unterlagen im Briefkasten und die ganze Geschichte kann man nun in meinem Buch „365 Tage München“ unter dem 22. November nachlesen.

Yngra Wieland: Pflegst Du Schreibrituale?

Gaby Kilian: Ja, ich habe ein ziemlich albernes Schreibritual. Ich geh an meinen Schreibtisch, lies einen alten Text den ich geschrieben habe um in Schreibstimmung zu kommen, überlege was ich als nächstes schreiben will, geh wieder vom Büro in die Küche und spüle das Geschirr ab. Bis die Küche in Ordnung ist, habe ich auch den Text soweit im Kopf, dass ich es ziemlich eilig habe, wieder an den Schreibtisch zu kommen und los geht’s.

Yngra Wieland: Neben unzähligen anderen Interessen wie malen, fotografieren, Gartenplatten gießen, nähen und stricken, um nur eine kleine Anzahl zu nennen, bist du auch ausgebildete Stadtführerin für München. Wie kam es dazu?

Gaby Kilian: Dass ich einen Stadtführerkurs im Institut Bavaricum bei Frau Zuber gemacht habe, das lag nahe. Zwar hatte ich schon viel gelesen und unzählige Unterlagen, aber man kann immer noch was lernen, dachte ich mir. Andere Leute haben wieder ein anderes Wissen und das will ich auch haben. Frau Zuber ist ein wandelndes Geschichtsbuch und sie hat Geschichte ebenso wenig studiert wie ich. Ihr Erfahrungsschatz und das enorme Wissen um oft unscheinbare Details machten die Stunden in ihren Kursen so wertvoll für mich. Es macht mich stolz, wenn ich ein Wappen erklären kann, denn Wappenkunde war auch ein Kurs im Institut Bavaricum, den Professor Dr. Heydenreuter gehalten hat. Noch heute höre ich mir unzählige Vorträge über die unterschiedlichsten Themen an, denn brauchen kann man immer alles.

Yngra Wieland: Auf welche deiner Geschichten bist du besonders stolz?

Gaby Kilian: Eine besondere Herausforderung war die Recherche, wie Edinburgh Münchens Partnerstadt wurde. Niemand konnte mir mit dem Datum dieses Ereignisses weiterhelfen. Einige Stellen waren schon sehr genervt von mir, aber ich wollte die ganze Geschichte wissen und ließ nicht locker. Dass ich es geschafft habe, darauf bin ich besonders stolz und die Geschichte kann man in „365 Tage München“ nachlesen, unter dem 10. September.

Yngra Wieland: Dürfen deine Leserinnen und Leser bald auf Neuigkeiten von dir hoffen?

Sicher werde ich wieder schreiben, wieder für Leser, die kurze spannende Geschichten mögen und dabei viel Wissenswertes erfahren wollen. Es macht mir immer noch Spaß zu lesen, recherchieren, „Geschirr abspülen“ und los geht’s mit der Geschichte schreiben.

Dieses Interview führte die Autorin Yngra Wieland im April 2016