Archiv für den Monat: März 2017

Was haben speed dating, eine Ogerfrau, 007, Blasenpflaster und Auerbachs Keller miteinander zu tun?

Klar erkannt – es geht um die Leipziger Buchmesse! Dieses Jahr habe ich die vier Tage Leipzig als besonders intensiv empfunden. Anfang März beginne ich damit, mich auf die vielfältigen Termine vorzubereiten. Es stehen drei Lesungen an, ein Termin mit einer Agentur und das berühmt-berüchtigte „speed dating mit Verlagen. Der Burgenwelt Verlag hat eine Lesung im Rahmen des Literaturforums von „Das Schicksal der Schäfflerin“ organisiert, der Eridanus Verlag bittet mich, aus der  Dystopia „Sturm über dem Rheintal – Die Erbin des Windes“ von Michael Erle zu lesen, da der Autor selbst verhindert ist, außerdem ist eine Lesung aus „Nela und der weiße Falke“ am Stand von „Kleinfairlage“ für den Franzius Verlag geplant. Folglich gönne ich mir ein Lesecoaching bei der fantastischen Juliane Breinl, die ein Händchen für Textauswahl und – vorbereitung hat und ganz besonderes Talent dafür, Lesefähigkeiten aus mir heraus zu kitzeln.

Exposés für neue Buchprojekte wollen perfektioniert werden, und wer schon einmal an einem speed dating teilgenommen hat, weiß, dass man eine Menge relevante Informationen in sehr kurze Zeit (in diesem Fall 9 Minuten) packen muss, das verlangt gute Vorbereitung. Bei herkömmlichen speed dates handelt es sich um persönliche Vorlieben oder Abneigungen, beim speed dating mit Verlagen geht es eher darum, Verlagsvertreterinnen den Buchinhalt in wenigen Sätzen zu beschreiben, auf kritische Fragen sofort eine Antwort parat zu haben, Genre, Zielgruppe und Vergleichsliteratur benennen zu können und selbst ein paar wichtige Fragen nach Marketingoptionen und möglichen Erscheinungsdaten loszuwerden. Es geht ans Packen und ich muss feststellen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ich locker eine Feuchtigkeitscreme, einen Kajal und einen Lippenstift in die Handtasche warf und losfuhr. „Man sieht genauso gut aus wie früher, aber es dauert länger“, habe ich letztens irgendwo gelesen. Stimmt und folglich braucht es auch eine längere Packzeit.

Die Reise verläuft reibungslos, Leipzig begrüßt mich frühlingshaft freundlich mit goldenen Eiern. Ich werfe den Koffer in die Gepäckaufbewahrung, ab auf die Messe.

Zuerst suche ich den Stand des Burgenwelt Verlags auf, begrüße dort meine liebe Verlegerin und andere Autoren. Bei mittelmäßigem Messekaffee führen wir ein sehr fruchtbares Gespräch über zukünftige Aktivitäten, so ist beispielsweise ein Hörbuch von der Schäfflerin in Planung und wir sprechen über das Cover des neuen Buches.

Freitag früh fahre ich mit der Tram zur Messe, wie in der Sardinenbüchse eingeklemmt zwischen oben genannter Ogerprinzessin, Elfen, Trollen, Matrosenmädchen mit Fuchsohren in sehr kurzen Faltenröckchen, Sternenkriegern, Literaturschaffenden und Leipziger Bürgern. Die Fabelwesen sind auf dem Weg zur Manga-Conference, die traditionell gleichzeitig mit der Buchmesse stattfindet – ein absoluter Genuss für das Auge, der Alltag wird plötzlich bunt – eine magische Stimmung entsteht. Die Teenies geben sich unglaublich viel Mühe mit ihren Kostümen, die meisten sind eine Augenweide.

Im Literaturforum findet die Lesung aus „Das Schicksal der Schäfflerin“ vor zahlreichem Publikum statt. Vor so vielen Menschen habe ich noch nie gelesen, es ist ein prickelndes Gefühl! Nach der Lesung darf ich Bücher signieren, Fragen beantworten, Selfies mit Autorin werden gemacht, ja, daran könnte ich mich gewöhnen!

Danach treffe ich mich mit einer Literaturagentin, am Nachmittag lese ich aus Nela, schlendere über die Messe, beeindruckt von der Unmenge an Büchern und mindestens den gleichen Mengen an Bibliophilen. Für den Abend ist ein Highlight geplant – wir werden auf den Spuren von Fausts Mephisto in Auerbachs Keller vorbeischauen. Eine beeindruckende Örtlichkeit, davor riesige Bronzefiguren, Mephisto verzaubert die Studenten. Vor etwa vierzig Jahren habe ich eine grandiose Inszenierung „Faust“ von Claus Peymann am Kleinen Haus in Stuttgart gesehen, an zwei Abenden, jeweils vier Stunden. Die Schülerkarte hat damals drei Mark fünfzig gekostet. Jetzt muss ich es einfach mal sagen: Das waren noch Zeiten! Auerbachs Keller ist riesengroß und hat eine ganz besondere Aura. In Gesellschaft einer befreundeten Autorin, einer Schauspielerin und Synchronsprecherin und einer Drehbuchschreiberin verbringe ich einen mehr als gelungenen Abend.

Samstag, dritter Messetag – obwohl ich bequemes Schuhwerk mitgenommen habe und als ehemalige Tänzerin einiges gewöhnt bin – schließlich habe ich Bühnen-Can-Can auf zwölf Zentimeter-Absätzen und die Kleinen Schwäne auf Spitzenschuhen hingekriegt – brauche ich Blasenpflaster. Gut, dass den ganzen Tag Fortbildung angesagt ist, die ich größtenteils sitzend hinter mich bringe. Ich lerne, wie man Krimi plottet (eine Idee über mehrere Folgen liegt bereits in einer Schublade meines Gehirns), höre Vorträge „wofür braucht man einen Agenten“, „Handwerkszeug für biografisches Schreiben“, „Trendthema Memoir“ und noch –zig andere Themen wie Humor, Überarbeitungstechniken und wasweißichnochalles. Um 17.30 h sind meine Füße erholt, das Gehirn ermattet und es freut sich über das Glas Weißwein, das zur glücklichen Stunde gereicht wird. Jetzt weiß ich auch, warum diese so genannt wird.

Sonntag – letzter Tag. Das speed dating – treffen und grüßen mit Verlagsvertretern. ist dran. Nervenbündelige Autoren wanken mit bleichen Gesichtern durch den großen Raum, in dem etwa siebzehn Tische aufgebaut sind. Auf der einen Seite der Tische sitzen Verlagsmenschen, auf der anderen Schreiberlinge, die ihre Werke gestenreich an die Frau oder den Mann zu bringen versuchen. Ich bin gut vorbereitet, schließlich weiß ich, worum es in meinen Manuskripten geht, also kann ich es ganz entspannt angehen. Die Damen der Verlage, die ich mir ausgesucht habe, sind freundlich, wir verabschieden uns nach zehn Minuten und ich habe die Möglichkeit bekommen, meine Stoffe zur Prüfung einzureichen. Das ist schon einmal die halbe Miete, denn unverlangt braucht man heute ein Manuskript gar nicht erst einzuschicken. Verlage und Agenturen bekommen tonnenweise Manuskripte und können gar nicht alles sichten, daher ist das speed dating eine gute Möglichkeit, neue Kontakte mit passenden Verlagen zu knüpfen.

Bester Dinge schleppe ich mich zur Fantasy-Leseinsel, um den „Sturm über dem Rheintal“  zu lesen. Ein hauptsächlich junges Publikum, später erzählt man mir am Stand, ein junger Mann sei herbei gestürzt, um das Buch zu kaufen „ich habe gerade da drüben zugehört, ich brauche sofort dieses Buch.“ Gefühlt muss ich trotz Mikro gegen einen Dudelsack und Begeisterungsstürme von Kindern anbrüllen, Sonntag ist Familientag und es werden jede Menge Attraktionen für Kinder angeboten. Auch diese Lesung läuft gut und macht wirklich Spaß. Ich freue mich jetzt schon auf meine nächste Lesung, die ist am 11. Mai in der Kirchheimer Gemeindebücherei.

Es heißt Abschied von den Burgenweltlern und Eridanern zu nehmen, schön war´s. Am Bahnhof muss ich feststellen, dass der Zug nach München fünfzig Minuten Verspätung hat. Dabei will ich jetzt nur noch heim, die Energie ist restlos aufgebraucht und stehen kann ich auch nicht mehr. Nach 23 Uhr komme ich in München an und fühle mich wie ein plattgefahrener Fisch. Die nächste Woche wird hart, neben der Arbeit steht jede Menge Nachlese, sprich Nachschreibe zur Messe an, aber es hat sich mehr als gelohnt. In meiner Handtasche finde ich ein altes Käsebrot, vielleicht friere ich es bis nächstes Jahr ein. Nach der Messe ist vor der Messe!