Archiv für den Monat: September 2017

Kaffeeklatsch mit Harpie

An einem wundervollen Herbsttag machen Gaby Kilian und ich uns auf, um in Riedenburg einen Tag mit Greifvögeln zu verbringen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir hier sind, aber die Faszination für die herrlichen Tiere und die traumhafte Landschaft zieht uns magisch an. Abgesehen davon spielt in meinem historischen Roman „Das Geheimnis der Flößerin“ ein Rabe eine bedeutsame Rolle, Sidonie, die Mätresse des Herzogs liebt die Beizjagd mit Falken und daher möchte ich von Martin noch einige Tipps. Zunächst wandern wir mit einem Bussardweibchen auf die Anhöhe und genießen den sonnigen Tag und die atemberaubende Aussicht auf den Fluss und die Burg Prunn, die wir selbstverständlich auch schon besichtigt haben. Dieser Ausflug lohnt sich wirklich! Zurück an Martins Anwesen, wo sich die Gehege der Vögel befinden, schließen wir Freundschaft mit einem Habichtskauz, der sich anfühlt wie eine fluffige Wolke und mir wird ganz anders zumute, als er mich mit seinem rätselhaften Blick ansieht. Dann wird es spannend – ein junger Steinadler will trainiert werden. „Dir macht es nichts aus, Fleisch anzufassen, oder?“ Schon habe ich die Batzen in der Tasche und der Falkner begibt sich auf den Balkon des Hauses gegenüber. Nun wird der Vogel trainiert, er schwebt heran und lässt sich schwer auf meinem vom Lederhandschuh geschützten Arm nieder. Er holt sich seine Belohnung und fliegt zurück zu seinem Herrn. So geht das eine ganze Weile, dann gibt es eine Kaffeepause. Der Steinadler sitzt auf der Brüstung, gleich am Kaffeetisch bei den Nussschnecken. Die Gelegenheit nutze ich und stelle Martin ein paar Fragen.

Martin, du bist ein Vogelflüsterer, arbeitest mit Kolkraben, Steinadlern, auch Harpien genannt, Sakerfalken, mit einem Habichtskauz und Wüstenbussarden. Man sieht in jeder deiner Aktionen mit deinen Vögeln, dass Greifvögel deine Leidenschaft sind und du eins mit ihren Seelen bist. Wie kam es, dass du seit Jahren deinen Traumberuf lebst?

Schon als Kind träumte ich davon, Falkner zu sein. Ich wollte unbedingt einen Raben haben, was meine Eltern mir dankenswerter Weise ermöglicht haben. Ich habe eine Rabenkrähe mit der Hand aufgezogen. Stolz lief ich herum und tat so, als wäre mein „Fillo“ ein Adler. Mein ursprünglicher Beruf war Grafik-Designer, als in der Nähe meines Arbeitsplatzes dann eine Falknerei eröffnete, hat sich das Blatt gewendet. Ich habe dort gelernt, was ein Falkner wissen muss. Dazu gehört Jungvogelaufzucht, die Falken- und Jägerprüfung, außerdem Kenntnisse über das künstliche Besamen der Vögel. Dann hat mich der Tiergarten in Nürnberg abgeworben. Nach acht Jahren ohne die Falknerei wurde die Sehnsucht zu groß. Meine Familie und ich beschlossen, ins Altmühltal zu ziehen und ich begann, meine Eventfalknerei aufzubauen.

Wie sieht denn ein normaler Tagesablauf bei dir aus?

Da meine Frau eine eigene Tierarztpraxis führt, bin ich neben meiner Arbeit als Falkner auch Hausmann. Ich bringe die Kinder in den Kindergarten und die Schule, dann bereite ich das Futter für meine Vögel vor. Ich versorge sie, trainiere sie, gehe mit ihnen spazieren. Regelmäßig biete ich Greifvogelwanderungen an, zeige meine Vögel auch im Schullandheim oder Schulveranstaltungen. Längerer Urlaub ist nicht drin.

Welches Erlebnis mit einem Greifvogel hat dich am meisten beeindruckt?

Die Aufzucht einer jungen Harpie zusammen mit ihrer Mutter. Es war ein unglaubliches Gefühl, vom stärksten Greifvogel der Welt als Partner anerkannt zu werden.

Was war das schlimmste Erlebnis mit einem Vogel?

Das war, als mein Rabenweibchen Hugin gestorben ist. Es war entsetzlich, sie leiden zu sehen und meinen geliebten Vogel schließlich einschläfern zu müssen. Ich hatte sie dreiundzwanzig Jahre lang.

Hast du einen Liebling unter deinen Greifvögeln?

Ja, das ist mein Adlerweibchen. Die Interaktion, die mit ihr möglich ist, fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Dass eine derart persönliche Bindung an einen Greifvogel möglich ist, berührt mich stark. Ein Adler hat ein Gedächtnis, wie ein Elefant, er erinnert sich an alles.

Hast du noch ein unerreichtes Ziel in der Begegnung mit einem Vogel?

Momentan fällt mir da nichts ein. Die Aufzucht des Steinadlerkükens war ein Traum, den ich mir erfüllen konnte.

Ich schreibe historische Romane und ein Teil meiner Seele befindet sich dann in der Vergangenheit. Würdest du gerne als Falkenmeister eines hohen Herren auf einer Burg leben?

Eindeutig nein! Vielleicht als einsamer Trapper in der Wildnis. Mit Greifvögeln und anderen Tieren…

Gibt es etwas, was du den Leserinnen und Lesern in Bezug auf Greifvögel ans Herz legen willst?

Mit meiner Eventfalknerei möchte ich die Faszination für diese beeindruckenden Tiere mit den Menschen teilen. Als Kind hätte ich mir brennend gewünscht, dass es etwas in der Art gegeben hätte, wo man eintauchen kann in die Welt, etwas über Greifvögel lernen kann und genau das tue ich nun!

Lieber Martin, herzlichen Dank für das Gespräch und den wundervollen Tag mit deinen Greifvögeln und Raben!

So, wenn euch jetzt die Lust überkommen hat, die Tiere selbst hautnah zu erleben, schaut hier nach: Martin Geißendörfer, www.vogelwild.net

Die Fotos hat Gaby Kilian gemacht.