Writing Of „Der Tanz der Schäfflerin“ -1

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich darauf gekommen bin, über die Schäffler zu schreiben. Warum einen historischen Roman. Wie das denn geht. Wie man das anfängt. Nun ja, wie „man“ das macht, weiß ich nicht, aber ich kann berichten, wie es bei mir dazu gekommen ist.
Geschrieben habe ich schon einiges, allerdings vor allem Fachartikel oder Ratgebertexte. Einen historischen Roman mit beinahe 400 Seiten zu schreiben, ist eine ganz andere Hausnummer.
Vom ersten Funken der Inspiration bis zum fertigen Buch hat es gute dreieinhalb Jahre gebraucht. Wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe, ist Geduld eine Ingredienz in der Zusammensetzung eines Federlings, die ausreichend vorhanden sein sollte. Das ist bei mir unglücklicherweise nicht so, also war es streckenweise SEHR schwierig für mich!
Die Idee zu der Geschichte entstand im Februar 2012, ein Jahr, in dem die Schäffler getanzt haben, was, wie wir wissen, traditionell nur alle sieben Jahre geschieht. Ich begegnete einem kleinen Jungen, der stolz ein Schäfflerkostüm trug, sein Vater war ebenfalls Schäfflertänzer. Seine kleine Schwester, gekleidet in ein reizendes Dirndl, rannte heulend hinter ihm her. „Ich will auch Schäffler sein! Ich will auch tanzen!“
In meinem Gehirn entzündete sich in diesem Augenblick ein Funke, es war, als würde ein Film ablaufen und das Gerüst der Geschichte war geboren.
Ich begann zu recherchieren. Zuerst rief ich im Stadtarchiv an, fragte nach Unterlagen. Man teilte mir mit, ich müsste die Akten bestellen, könnte sie dann während der Öffnungszeiten im Lesesaal einsehen. Ich bestellte.
Ziemlich erstaunt war ich, als ein ganzer Aktenwagen voll staubigen Schubern und Ordnern vor mich hin gerollt wurde. Ich begann, die Berichte und Chroniken zu sichten, machte mir unzählige Notizen, die Zeit verflog im Handumdrehen. Ich verbrachte viele Stunden im Lesesaal, bis ich das Material durchgekämmt und mir die relevanten Informationen herausgeschrieben hatte. Des Öfteren vergaß ich die Zeit und musste vom Personal rausgeworfen werden. Die Öffnungszeiten eben.
Ich fand heraus, dass es in München-Laim noch einen Schäfflerbetrieb gibt, geführt, wie kann es auch anders sein, vom Innungsmeister und ersten Vorsitzenden des Münchner Schäfflervereins. Im Norden werden die Schäffler übrigens Böttcher genannt, in Weingegenden Küfer. Erinnert sich jemand an das Bilderbuch „Die Heinzelmännchen von Köln“? Da gibt es auch einen Küfer. Der liegt, weil die Heinzelmännchen die ganze Arbeit tun, den ganzen Tag betrunken in der Ecke. Und das in einem Bilderbuch! Aber das nur am Rande.
Ich rief in der Fassmacherei an, sprach mit dem sehr freundlichen Chef, der mir überrascht ob dem Hintergrund meiner Bitte, aber bereitwillig einen Besichtigungstermin gewährte. Ich fuhr nach Laim und schaute mir an, wie noch heute Fässer in jeder Größe in Handarbeit hergestellt werden. Das Büro des Unternehmens betritt man übrigens durch ein riesiges Fass. Der Betrieb, der seit 1914 in Familienbesitz ist, stellt pro Jahr etwa eintausend Fässer her, ungefähr fünfhundert pro Jahr kommen zur Reparatur. Die Bierfässer werden aus schwerem Eichenholz gefertigt, das in riesigen Stapeln auf dem Gelände aufbewahrt wird. Auch die Fassreifen werden in der Fassmacherei hergestellt und es wird selbstverständlich auch gepicht. Das Pichen ist der Vorgang, wenn das Fass innen mit einer Schicht Baumharz versehen wird, damit es dicht bleibt. Da bei diesem Procedere viel Feuer im Spiel war, waren die Schäfflerbetriebe in früheren Zeiten am Stadtrand angesiedelt, wegen der Brandgefahr. Ein interessanter Nachmittag, ich verließ die Schäfflerei mit vielen neuen Erkenntnissen.
So. Außer einem groben Plot hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel. Ich begann, am Charakter meiner Protagonistin Jakoba zu arbeiten, schrieb die erste Szene. All das geschah natürlich nur in den spärlichen Zeitlücken, die mir meine Praxis, meine Seminare und last but not least, meine Familie und der Haushalt ließen. Na ja, ich muss zugeben, der Staub auf den Regalen störte mich nicht soooo sehr. Da schrieb ich doch lieber.
Sobald ich ein paar Seiten geschrieben hatte, bemerkte ich, dass mir wichtige Informationen fehlten. Wie sah denn überhaupt München in dieser Zeit aus? Ein weiterer Besuch im Stadtarchiv stand an. Ein alter Stadtplan von München musste her. Während der Suche danach stolperte ich über die Chroniken von München. Nahezu jeder Tag akribisch aufgezeichnet. So bemängelte beispielsweise am Freitag, dem 6. Oktober 1634 der Kurfürst, dass manche Bürger nicht zur Wache erschienen und stellvertretend nur „Buben und unqualifizierte Personen“ (Stahleder, Chronik der Stadt München) an ihrer Stelle standen und verlangte nach Bestrafung dieser faulen Mitbürger.
Ich tauchte völlig ein ins 17. Jahrhundert, las Bücher über Kleidung, besuchte an den Wochenenden das Stadtmuseum, das Bayrische Nationalmuseum, die Alte Pinakothek, die Heilig-Geist-Kirche, den Dom zu Unserer Lieben Frau, die Residenz, lief frühmorgens durch München, um den Spuren meiner Protagonisten zu folgen und stellte mir vor, es wäre damals. Ich machte Stadtführungen, die über Zünfte und Handwerk in München informierten mit, sah mir die Himmelsleiter im Biermuseum an. Während der Recherche stieß ich immer wieder auf unglaubliche Informationen und Geschichten, dir ein wahres Feuerwerk an Ideen für weitere Romane bei mir entzündeten. Ich legte viele Listen und Ordner an, sortierte die unzähligen Bücher, die ich zusammen gesammelt hatte und besuchte weitere Führungen und Vorträge zu allem, was einmal war. Seifen herstellen, Heilkräuterwissen (da gab es plötzlich eine Verbindung zwischen meinem heutigen Beruf, meinen gefühlten früheren Inkarnationen und meinem Roman), alte Jahrmarktsbräuche.
Eine Führung ist mir besonders in Erinnerung geblieben – wir durften völlig überraschend und nicht angekündigt in den Dachstuhl des Alten Hofes und Konstruktionen aus vielen Jahrhunderten besichtigen. Unglaublich spannend, der Geist längst vergangener Zeiten war in der staubigen Luft hoch über München jede Sekunde spürbar. Ich musste natürlich aus dem Affenturm schauen. Die Affenturmstory kennt ihr vermutlich? Die Sage erzählt, dass der Vater von Ludwig dem Bayern einen zahmen Affen besaß, der frei in der Burg herumsprang. Eines Tages hopste der Affe auf die Wiege, holte Ludwig, den Bayern, damals noch Säugling, später Kaiser, heraus und raste mit ihm durch die Burg, zum allgemeinen Entsetzen bis auf die höchste Turmspitze. Nur mit viel gutem Zureden und vermutlich einigen Leckereien ließ sich das Tier dazu überreden, den Säugling wieder heil zurückzubringen.
Rein zeitlich kommt die Geschichte zwar nicht hin, da Ludwig 1347 bei einem Jagdunfall das Zeitliche segnete, der Turm aber erst 1470 erbaut wurde, aber es ist trotzdem eine schöne Legende.
Ich wollte allerdings etwas genauer mit meinem Zahlen, Daten und Fakten sein, denn das ist es, was für mich einen historischen Roman ausmacht – Wahres verwoben mit einer spannenden Geschichte, Wissenswertes verpackt in Fiktion, Tatsachen und historische Persönlichkeiten konfrontiert mit Leidenschaft, Hass, Gräueltaten und Edelmut.

Bald erzähle ich hier, wie es weiterging, von der Idee bis zur Veröffentlichung.

testmanuskript

Dies ist das Cover meines Testmanuskriptes, welches ich an die TestleserINNEN herausgegeben habe. Das “echte” Cover ist gerade in Arbeit…

 

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